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2024-01-01 Artikel auf der Website https://dbfg.de/

Ein ungewöhnlicher Name und eine sehr besondere Herausforderung: Unser Verein „Menschen ohne Ketten e.V.“ bringt sich seit nunmehr 20 Jahren für eine in Westafrika ausgesprochen vernachlässigte und stigmatisierte Bevölkerungsgruppe ein. Menschen mit einer psychischen Erkrankung wie Schizophrenie und Psychosen oder einer Epilepsie werden traditionell mit Besessenheit durch Dämonen oder Teufel assoziiert und von Nachbarn, Bekannten oder auch der eigenen Familie gefürchtet. Sie werden daher gemieden, eingesperrt oder außerhalb des Dorfes angekettet, damit sie keinen Schaden anrichten können.

Kenntnisse über die (psychiatrischen oder neurologischen) Ursachen der Krankheit sowie die Möglichkeit diese zu behandeln sind oft nicht bekannt – oder die Familien fürchten die damit verbundenen Kosten, insbesondere wenn das nächste Krankenhaus mit einer psychiatrischen Abteilung weit entfernt ist.


Damit werden die Betroffenen oft noch weiterem Leiden ausgesetzt, über die eigentliche Erkrankung hinaus: Vernachlässigung, Unterernährung, physische Misshandlung oder die soziale Ächtung und Ausschluss aus der Gemeinschaft. So finden wir viele psychisch Kranke in den Straßen der Städte wieder: auch in Ouagadougou, Bobo-Dioulasso oder anderen großen Ortschaften gehören die „Fous“ (Verrückten) mit zerrissenen Kleidern, Rastalocken und einem verwirrten Gesichtsausdruck zum üblichen Stadtbild. Sie ernähren sich meist aus Abfall oder von Essensresten der Marktverkäufer, werden häufig Opfer von Verkehrsunfällen und sind Übergriffen von Händlern, Anwohnern oder den Ordnungskräften hilflos ausgesetzt.

In beiden Fällen verschlechtert sich der Gesundheitszustand der Betroffenen gravierend. Die psychische Erkrankung wird chronisch und der physische Zustand leidet unter fehlender Pflege, Ernährung und nicht behandelten Krankheiten wie Malaria, Durchfall oder Erkältungen.

Diesen kranken Menschen zu helfen gab den Anstoß für die Gründung des Vereins im Jahr 2003, als der Journalist Wolfgang Bauer in der Elfenbeinküste auf diese Problematik aufmerksam wurde. Er war sehr berührt von dem Leiden der betroffenen Menschen, aber auch von dem Engagement der privaten, aus christlicher Nächstenliebe geborenen Initiative, der Association St. Camille in Bouaké, die psychisch Erkrankte von ihren Ketten befreit und medizinische Hilfe anbietet. Um diese Organisation auch finanziell zu unterstützen, gründete er den „Freundeskreis St. Camille“. Dieser wurde 2005 formal als eingetragener Verein mit Sitz in Reutlingen registriert.

Seither entwickelte sich der Verein rapide weiter: Nach dem Start mit einer Partnerorganisation in der Elfenbeinküste wurden 2015 bereits drei ivorische Zentren aktiv unterstützt. 2016 nahm der Verein dann seine Tätigkeit in Burkina Faso auf, nachdem sich Kontakte zu einer privaten psychiatrischen Einrichtung in Piéla, im Osten des Landes, ergeben hatten. Von dort aus entstanden über die gut funktionierende Mundpropaganda schnell weitere Anfragen zur Unterstützung von Partnerorganisationen in Burkina Faso. Inzwischen fördern wir insgesamt 6 burkinische Initiativen, die im Bereich der Psychiatrie aktiv sind: vom Westen (Bobo-Dioulasso) über den Norden (Ouahigouya) bis in den Osten (Piéla) reicht die räumliche Spannweite, nicht zu vergessen unsere zwei Partnerzentren in der Hauptstadt Ouagadougou (s. Foto) sowie eine weitere kleine Initiative in Boulsa.

Wir unterstützen diese burkinischen Einrichtungen jeweils bedarfsorientiert:

  • Finanzierung und/oder Beschaffung von Medikamenten (v.a. Psychopharmaka)
  • Organisation fachlicher Fortbildungen für das Personal sowie individueller Beratung
  • Finanzielle Beteilung an den Gehaltskosten oder Übernahme von Honoraren von Fachärzten
  • Spezifische Projektförderungen ermöglichen z.B. die Verbesserung der Infrastruktur oder den Aufbau zusätzlicher (Therapie-)Angebote
  • Sachspenden (mediz. Material) oder Übernahme von notwendigen Reparaturkosten etc.
  • Unterstützung bei Aufklärungs- und Präventionsmaßnahmen

Wir sind sehr froh, dass wir durch diese Kooperationen bereits 2000-3000 psychisch erkrankten Menschen medizinische Hilfe in den sechs burkinischen Partnerzentren ermöglichen konnten. Und viele weitere Menschen werden ambulant betreut!

Wir sind insbesondere sehr stolz, dass durch die Arbeit unserer Partnerorganisationen das Wissen der Bevölkerung über psychiatrische Erkrankungen deutlich gestiegen ist, so dass immer mehr Familien ihre kranken Angehörigen angemessen behandeln lassen und somit Misshandlungen und Verstoßung vermieden werden.

Gerne möchten wir diesen Weg weiter mit unseren Partnerzentren gehen, wobei wir für die Zukunft mit zwei großen Herausforderungen konfrontiert sind:

  1. Die leider immer prekärere Sicherheitslage in Burkina Faso stellt eine deutliche Einschränkung für alle Engagierten dar: nicht nur können wir als Vorstand oder Mitglieder des Vereins nur sehr reduziert Besuche vor Ort realisieren, sondern v.a. die Partnerorganisationen sind in ihrem Aktionsradius ausgesprochen eingeschränkt. Das wirkt sich z.B. negativ auf die Erreichbarkeit der ambulant versorgten Patient/innen aus. Leider wird gleichzeitig die Zahl der psychisch Erkrankten durch Vertreibung und Traumata immer höher. Diesen Anforderungen sind die meist kleinen Zentren kaum gewachsen!
  2. Zum anderen sehen wir die dringende Notwendigkeit, dass die burkinische Regierung, insbesondere das Gesundheitsministerium, mehr Verantwortung für die Versorgung psychisch kranker Menschen im Land übernimmt. Daher haben wir 2022 sowohl direkten Kontakt mit der zuständigen Abteilung im Ministerium aufgenommen als auch mit der für Medikamentenbeschaffung verantwortlichen Struktur (CAMEG). Ohne eine substantielle Unterstützung (und Finanzierung) durch diese staatlichen Stellen wird die Arbeit der privaten Initiativen nicht nachhaltig gestaltet werden können (auch in Deutschland arbeitet die Psychiatrie nicht selbsttragend). Um hier lokalen Druck aufbauen zu können, planen wir die Gründung eines burkinischen Netzwerks privater psychiatrischer Einrichtungen – als starker Verhandlungspartner!

Für die kontinuierliche Unterstützung der medizinischen und sozialen Arbeit unserer Partnerstrukturen sowie die Verbesserung eines nationalen Engagements für Betroffene von psychischen Erkrankungen suchen wir immer aktive Mitstreiter: Ob in Form einer Kooperation mit lokalen/ burkinischen oder deutschen Vereinen oder als individuelles Engagement im Rahmen einer Mitgliedschaft bei „Menschen ohne Ketten e.V.“ oder – ganz einfach – durch eine Spende.

Wir freuen uns über jede Kontaktaufnahme oder (inhaltliche) Rückmeldungen!

Weitere Informationen und Kontaktdaten auf unserer Webseite www.menschenohneketten.de oder auf Facebook https://www.facebook.com/Kettenmenschen/

Spendenkonto (IBAN): DE65 6405 0000 0000 0097 95