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Aktuelles

Festakt zum Welttag der psychischen Gesundheit in der Côte d´Ivoire

Auf Tuchfühlung mit dem Who is Who der ivorischen Psychiatrie kam unser lokaler Koordinator Adama Coulibaly, genannt Coul, anlässlich einer Konferenz am 11. Oktober in der Hauptstadt Abidjan.

Eingeladen hatte der nationale Psychiatrieverband PNSM unter dem Thema  „Bürgerschaftliches und solidarisches Engagement für eine gute psychische Gesundheit in der Côte d´Ivoire“. Und alle kamen: ein Vertreter der WHO, Verantwortliche aus Handelskammer und Gewerkschaften, ein hochrangiger Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums und natürlich jede Menge Fachleute aus der Psychiatrie. Hauptakt des Programms war ein Vortrag von Prof. Koua, leitender Psychiater aus Bouaké, der aus als Trainer im laufenden Fortbildungsprogramm sehr gut bekannt ist.

Nach der Konferenz folgte ein Empfang – und der so wichtige informelle Austausch. Dabei ergab sich für Coul die Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch mit Prof. Soro, dem Vertreter des Gesundheitsministers (s. Foto). Wir hoffen, dass sich daraus eine Chance für eine zukünftig bessere staatliche Unterstützung unserer Partner ergibt! 

10. Oktober ist Welttag für Seelische Gesundheit

Seit 1992 findet jedes Jahr am 10. Oktober der Welttag für seelische Gesundheit statt, der auf die Situation psychischer Erkrankungen hinweisen will. Dazu finden weltweit verschiedene Aktionen statt, so auch in der Hauptstadt der Elfenbeinküste – darüber werden wir später berichten. Heute möchten wir stattdessen eine Patientin im Zentrum von St. Camille in Bouaké vorstellen. 

Die 26-jährige Bijou erzählt bei unserem Besuch im Juni ihre schwierige Geschichte: „Mit 18 lernte ich meine große Liebe kennen.  Nach dem Abitur zog ich zu  dem jungen Mann nach Man (im Westen der Elfenbeinküste). Leider kam es bald zu Streitereien und häuslicher Gewalt. Nach einer heftigen Ohrfeige konnte ich mehrere Nächte lang nicht schlafen“. Bijou wurde daraufhin in die psychiatrische Klinik in Yamoussoukro eingewiesen und behandelt. Allerdings befolgte sie die verschriebene Behandlung nicht konsequent, daher hatte sie unzählige Rückfälle. 2017 verlässt sie eines Nachts während einer Krise das Haus und wird Opfer einer Vergewaltigung – und schwanger! Sie bringt einen Sohn zur Welt, der jedoch der Familie anvertraut wird. 

Bijou selbst wurde 2018 in das Zentrum von St. Camille gebracht. Inzwischen verfolgt sie ihre Behandlung konsequent und ist seit einiger Zeit stabil. Allerdings leidet sie darunter, dass sie nicht in ihre Familie zurückkehren kann. Bijou weiß auch warum: „Aufgrund meiner Anfälle und der Vorgeschichte von Gewalt will mich kein Familienmitglied bei sich aufnehmen. Ich verstehe das, aber ich bin traurig, dass ich von meinem Sohn getrennt bin“. Die Sozialarbeiterin des Zentrums, Elodie Acho, bemüht sich weiterhin darum, eine Lösung für Bijou zu finden – wir wünschen ihr und Bijou viel Erfolg dabei!

Spendensammlung auf neuen Wegen

Auf ins digitale (Spenden-)Zeitalter: Für unsere neu geplante finanzielle Unterstützung des Centre Notre Dame de l’Espérance (CNDE) in Ouagadougou bitten wir dieses Mal um Spenden auf der Fundraising-Plattform WirWunder Reutlingen bzw. Betterplace: https://www.wirwunder.de/projects/111841?wirwunder=237

Seit Gründung des Vereins sind private Spenden das Rückgrat unserer Arbeit in Afrika. Sie  ermöglichen uns die Finanzierung von Medikamenten, die Unterstützung von Personal und Infrastruktur sowie weiterer Maßnahmen vor Ort, die eine kontinuierliche Weiterführung der psychiatrischen Betreuung durch unsere Partnerzentren sichern. Neben den klassischen Spenderbriefen nutzen wir nun neue Ansätze, um unsere Unterstützer/innen sowie weitere  interessierte Menschen zu erreichen:

Danke im Voraus für Ihre Unterstützung – in welcher Form auch immer! Für weitere Anregungen sind wir natürlich ebenfalls offen: Soweit es die Situation der Patient/innen in Afrika verbessert sind wir gerne bereit, weitere neue Wege zu beschreiten. ..

Wenn einer eine Reise tut….

Das war eine spannende Sache. Unsere Geschäftsführerin, Dr. Eva Sodeik-Zecha und ich besuchten die Elfenbeinküste, genauer: psychiatrische Einrichtungen in Korhogo und Bouaké. Mit uns zwei Fotografen, Roland Marske und Michael Lieder, die bereit waren, für „Gotteslohn“ professionelles Bildmaterial zu erstellen.

Centre Jubilé Korhogo
In Korhogo begrüßt uns Soeur Janine, die Chefin. Eine ältere Dame mit unglaublicher Energie. Wir konnten die Einrichtung besichtigen und aktive Arbeitsgruppen bestaunen, wo die Patient*innen tanzten, malten, Sport betrieben und kochten – ein wunderbares Mittagessen. Das engagierte und fröhliche Personal, alle freundlich und sehr zugewandt, schafft eine gute Atmosphäre des Zusammenlebens. Und was uns am meisten verblüfft: Es gibt eine klare Orientierung auf Rückführung der Patient*innen in die Gesellschaft. Aufgenommen werden nur Personen, die von Familienangehörigen begleitet werden – die Brücke zurück in ein normales Leben.

Nach wenigen Tagen verabschieden wir uns im Wissen, dass unsere Unterstützung für diese Einrichtung nach allen Kriterien gerechtfertigt ist.

St. Camille Bouaké
In Bouaké dann Gespräche mit der neuen Leiterin, Soeur Elise, über die weitere Entwicklung der Frauen- und Männerpsychiatrie und der beiden Reha-Zentren in Dar es Salam und Belleville.

Die Einrichtungen, nicht vergleichbar mit unseren Psychiatrien, haben hohen Renovierungsbedarf. Aber auch hier: Im Gespräch mit der Sozialarbeiterin Elodie Acho erfahren wir, dass in den letzten zwei Jahren ca. 100 Patientinnen in ihre Familien zurückkehren konnten. Und das, obwohl der Dämonenglaube die Akzeptanz der Erkrankten sehr erschwert.

Zurück in Reutlingen
Mit tiefen Einblicken fliege ich zurück nach Deutschland. Und weiß als Vorsitzender des Vereins genau, warum sich unsere Arbeit und Unterstützung lohnt! Unsere Fotografen haben unermüdlich  tausende Bilder aufgenommen und sind heute noch am Sortieren. Die Bilder zeigen, dass es nicht nur die Not der angeketteten psychisch kranken Menschen gibt. Es gibt inzwischen auch von uns unterstützte Alternativen, die die Familien in die Lage versetzen, ihre Angehörigen direkt in den psychiatrischen Zentren behandeln zu lassen.

Und besonders erfreulich: unser wichtigster Unterstützer in der Elfenbeinküste, Adama Coulibaly,  war eine Woche später beim Empfang in Reutlingen zum 50. Jubiläum der Partnerschaft Reutlingen-Bouaké als Ehrengast. Oberbürgermeister Thomas Keck überreichte ihm sowie dem amtierenden Bürgermeister von Bouaké die Reutlinger Bürgermedaille für herausragendes Engagement.

Freudiges Wiedersehen in Belleville

Die Journalistin Rita Dro und die Patientin Irène Kouakou sind alte Bekannte. Mit einer herzlichen Umarmung feiern sie nach sieben Jahren ihr Wiedersehen im Reha-Zentrum der Association St. Camille.

Dabei war die erste Begegnung der beiden Frauen nicht gerade einfach: Irène war damals 20 Jahre alt. Nach einer Vergewaltigung in ihrer Kindheit war sie schwer psychisch erkrankt. Da sie verwirrt und sehr unruhig war, wurde sie von ihrer Mutter in ihrem Heimatort Djamalakro, 32 km von Bouaké entfernt, mit dem Fuß in einem Baumstamm fixiert. Doch sie hatte Glück: Mathieu, ein Mitarbeiter von St. Camille in Bouaké, entdeckte und befreite sie. Damals im Mai 2015 begleitete die Journalistin Irène bis in das Aufnahmezentrum von St. Camille. Sehr berührt vom Schicksal der jungen Frau und von dem schwierigen Weg der Behandlung und Begleitung veröffentlichte sie auf ihrem Blog den folgenden, sehr lesenswerten Beitrag (in französisch)

Im Juni 2022 nun die Freude über das Wiedersehen – und gleichzeitig die Gelegenheit, sich über die Veränderungen im Leben von Irène auszutauschen:  Sieben Jahre nach ihrer Notfalleinweisung lebt Irène immer noch in Bouaké, aber inzwischen unterstützt sie ihrerseits die Wiedereingliederung von psychisch erkrankten Frauen im Rehazentrum von St. Camille in Belleville.  Irène kennt den langen Weg der Heilung aus eigener Erfahrung: medikamentöse Behandlung und Stabilisierung, aber auch Rückfälle und Ablehnung durch die Familie.
Es ist schön für Rita zu sehen, dass Irène es geschafft hat, ein selbstbewusstes Leben zu führen: Sie besucht regelmäßig ihre Familie und ihren Sohn Mathieu. Als Assistentin in der Kindertagesstätte von St. Camille hat sie eine wichtige Aufgabe, in ihrer Freizeit näht sie. Ihr strahlendes Gesicht zeigt, dass manche Geschichten doch einen guten Ausgang finden!